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Trivia zu Senza Patria

Ein kurzer Abriss zur Entstehungsgeschichte des Werkes

8/10/20252 min read

palm trees covered with fog

Was mich aller Wahrscheinlichkeit nach von der Idee überzeugte, ein Buch über Waisenkinder zu schreiben, war ein anfangs kaum beachteter Tagtraum. Wie eh und je spazierte ich nämlich mit Musik in den Ohren und machte meinen alltäglichen Denkgang. Ich fragte mich dabei: „Was ist eigentlich Heimat?" Aber ich fragte mich auch: „Wie viele Menschen haben wohl das Gefühl, dass dieses Wort nicht mehr ist als eine leere Hülse? Wie viele spüren ein Stechen in der Brust, wenn jenes Wort ausgesprochen, ja gedacht wird?"

Von diesen Fragen geleitet, breitete sich in meiner Brust ein Gefühl tiefster Hilfs- und Hoffnungslosigkeit aus. Sofort kam mir die nächste Frage in den Sinn: „Wie erlebt ein Mensch die Existenz, der niemals eine Heimat hatte? Würde er das... akzeptieren?"

Von da an schöpfte sich die Geschichte und ihr Handlungsstrand wie von selbst in meinem Kopf: Ich sah den trotzigen Jungen, der die Welt dafür verachtete, dass sie ihn so schamlos behandelte. Ich sah sein Gesicht und seinen Weltschmerz klar vor mir. Marco musste er heißen. Wieso, weiß ich nicht. Es fühlte sich einfach richtig an. Dann türmten sich Berge vor mir auf, grüne, schöne, einsame. Wo sonst sollte ein Waisenhaus auch stehen, wenn nicht in der Vergessenheit des Gebirges, nicht? Dort, wo man es allzu leicht wieder verdrängen kann.

Aber Marco ist mehr als Zorn und Schmerz. Er ist und bleibt ein Mensch. Als mir dies klar wurde, sah ich Tom vor meinen Augen - seinen jüngeren Bruder, der goldiger, herzerweichender nicht sein könnte. Dann kam der Titel - Senza Patria – „Ohne Heimat.“ Und mit diesem Titel entstand die Vorstellung eines Ortes, der zwar äußerlich ein Waisenhaus ist, in Wahrheit aber eine Welt für sich: hart, still, vergessen, wie das Gebirge, das es wallend umgibt.

Oh, mit Senza Patria wollte ich gewiss nicht einfach bloß ein weiteres historisches Drama schreiben. Nein, ich wollte über das sprechen, was viele auch heute noch empfinden – Entwurzelung, Sprachlosigkeit, Sehnsucht.

Dabei ist Marco vielleicht der mutigste Charakter, den ich je geschrieben habe. Dies, weil er den Schritt wagt, den viele sich nicht trauen: zu fliehen, obwohl das Ziel ungewiss ist. Nicht aus Trotz oder Hass, sondern aus Hoffnung und Nächstenliebe. Und genau das ist Senza Patria für mich – keine Geschichte der Flucht, sondern eine des unausweichlichen Aufbruchs. Hier wurzelt die Freundschaft und die Liebe. Schließlich geht es auch um die vitalisierende Kraft, sich selbst ein Zuhause zu erschaffen, wenn einem niemand eines gibt.

Die Geschichte ist fiktiv, ja – aber sie ist durchzogen von Erinnerungen, Beobachtungen und echten Emotionen. Und sie bleibt mir bis heute nahe, denn ihr ureigenster Stoff ist die Menschlichkeit.

Danke, dass du hier bist – und vielleicht auch einen Schritt mit Marco gehst.

– Amin Rafiki